Kastrationsbedingte Inkontinenz bei Hündinnen

Sechs Schritte, wenn deine Hündin inkontinent ist + Erfahrungsbericht und Tipps

  • Erfahre, wie viele kastrierte Hündinnen inkontinent werden
  • Alltagstipps zur Inkontinenz aus unserem Erfahrungsschatz
  • Was ihr tun solltet, falls eure Hündin inkontinent wird

Wenn ihr diesen Artikel lest, dann gehört ihr bestimmt zu den zahlreichen Hundebesitzern, deren Hunde ebenfalls inkontinent sind. Falls ihr neu auf dem Gebiet seid, keine Sorge ihr bekommt das hin!

Auch wenn es zu Beginn unmöglich scheinen mag, Alltag und inkontinenten Hund unter einen Hut zu bringen – es funktioniert. Ich habe für euch unseren Erfahrungsbericht und unsere Tipps zum Thema Inkontinenz beim Hund, im Speziellen der kastrationsbedingten Inkontinenz bei Hündinnen zusammengefasst.

Rund 10% aller kastrierten Hündinnen unter 20kg und rund 30% aller kastrierten Hündinnen darüber werden im Laufe ihres Lebens inkontinent [1]. Außerdem gibt es einige Hunderassen die zusätzlich ein höheres Risiko haben nach einer Kastration inkontinent zu werden, auch hier sind vor allem große Rassen betroffen wie Rottweiler, Boxer, Dobermann, Setter oder Weimeraner [2].

Als wir Rosie im Herbst 2018 adoptiert haben, kam sie direkt aus Spanien zu uns. Sie war zwar mit eineinhalb Jahren kein Welpe mehr, aber da sie in Spanien für lange Zeit in einem großen Zwinger mit vielen Hunden gelebt hat, haben wir uns wenig Hoffnung gemacht, dass sie direkt stubenrein ist.

Zu unserer Überraschung, war sie direkt von Beginn an stubenrein und konnte uns gut vermitteln, wann sie vor die Tür musste. Umso mehr hat es uns überrascht, als wir gut drei Wochen später eine Pfütze entdeckt haben – jedoch nicht auf dem Boden, sondern in ihrem Körbchen.

Dies ist besonders typisch für die kastrationsbedingte Inkontinenz, meistens verlieren die Hündinnen nicht nur wenige Tröpfchen, sondern große Mengen an Urin, während sie entspannt liegen oder sogar schlafen [3].

Was kannst du tun, wenn deine Hündin auf einmal inkontinent ist? *Sechs Schritte*

  1. Zuallererst einen Tierarzt Termin ausmachen. Dies ist kein Thema, an dem ihr allein herumdoktern solltet.
  2. Vor dem Termin beim Tierarzt könnt ihr bereits ein paar Dinge tun, die helfen können, die Diagnose zu beschleunigen. Falls ihr noch keines habt, legt euch ein rosadog Profil an. Das geht ganz schnell und ist komplett kostenfrei. Hier drin könnt ihr euch alle wichtigen Faktoren dokumentieren. Wichtig ist zum Beispiel, seit wann eure Hündin inkontinent ist und wie sich dies äußert. Tragt am besten in rosadog ein, zu welchen Tageszeiten sie tröpfelt oder ausläuft und ob dies beim Spielen, Schlafen etc. passiert.
  3. Ihr könnt außerdem PH-Wert Teststreifen* kaufen um den PH Wert des Urins zu messen. Hierzu entweder den Urin mit einem flachen sauberen Gefäß auffangen oder ihr seid so geschickt und schafft es den Streifen direkt darunter zu halten. Das erfordert allerdings etwas Übung und Gummihandschuhe sind hierbei auch nicht schlecht. Am besten messt ihr zwei Mal täglich, direkt in der Früh den ersten Urin und abends nochmal – macht dies ruhig über ein paar Tage oder eben bis zum Tierarzt Termin.
  4. Zudem könnt ihr noch prüfen wie viel euer Hund pro Tag trinkt. Hierzu einfach die Wassermenge abmessen, die ihr in den Napf füllt und die abends noch übrig ist.
  5. Da es Hunden meist selbst sehr unangenehm ist unkontrolliert Wasser zu lassen, könnt ihr zudem versuchen eure Gassirunden so zu legen, dass die Blase erst gar nicht so voll ist. Eventuell müssen es vorerst auch ein oder zwei Runden mehr am Tag sein. Ihr solltet aber auf keinen Fall eurem Hund das Wasser wegnehmen, Hunde sind ebenso wie wir auf regelmäßige Flüssigkeitsaufnahmen angewiesen und sollten immer frisches Wasser zur Verfügung haben.
  6. Deckt euch am besten schon Mal mit ein paar waschbaren Hilfsmitteln, z.B. Wickelunterlagen*, saugfähige Unterlagen* und bei Bedarf auch Windeln* ein.

Zurück zu unserem Erfahrungsbericht – wir haben zu Beginn der Inkontinenz erst an eine Blasenentzündung gedacht. Es war bereits Anfang Dezember und aktuell sehr kalt. Für Rosie war draußen immer noch alles neu und ihre Art damit umzugehen war sich häufig hinzusetzen – nicht wirklich ideal bei so kurzem Fell und Minusgraden.

Mehrere Tierarztbesuche und einige Untersuchungen später, wussten wir dann, dass sie keine Blasenentzündung, sondern Harnkristalle hat. Auslöser für Harnkristalle können beispielsweise das falsche Futter sein und daraus resultierender zu hoher PH Wert. Mit den richtigen Medikamenten und speziellem Futter haben wir den PH-Wert ihres Urins wieder ins richtige Level (nämlich leicht sauer) gebracht. Problem war, dass während der Behandlung die Inkontinenz nicht besser geworden ist, im Gegenteil, da das Futter zusätzlich harntreibend wirkt (um die Kristalle auszuspülen) wurde es deutlich schlimmer. Wir waren ständig damit beschäftigt, mit ihr vor die Tür zu gehen und Decken zu waschen. Sobald sie eingeschlafen ist, ist ihre Blase komplett ausgelaufen.

Ihr wollt dieses Bild teilen? Das freut uns sehr! Bitte gebt dazu immer den Link zu unserer Webseite: www.rosadog.de an. Vielen Dank!

Wir haben den PH Wert fleißig weiter gemessen und sind nochmals zum Tierarzt. Zu dieser Zeit kamen uns bereits die ersten Ideen für rosadog, schließlich mussten wir mehrmals täglich PH Werte messen und abgleichen, wann sie inkontinent ist, wie viel sie trinkt und wie es ihr generell geht.
Unsere Tierärztin meinte schließlich, dass die Kristalle weg sind und auch eine Blasenentzündung ausgeschlossen werden kann.

Somit muss Rosie an einer kastrationsbedingten Inkontinenz leiden.

So richtig einig sind sich die Tiermediziner nicht, warum so viele kastrierte Hündinnen auch bei einer korrekt durchgeführten Kastration inkontinent werden. Man geht aber davon aus, dass den Hündinnen durch die Kastration Östrogen fehlt, was wiederum den Blasenmuskel schwächt. Ist dieser Muskel nicht stark genug, so kann er nur sehr kleine Urinmengen halten. Hat der Hund viel getrunken und die Blase dehnt sich auch, so kann der Muskel dies nicht halten und die Hündin läuft aus.

Da Rosie genau sechs Monate zuvor kastriert wurde als sie noch in Spanien im Tierheim saß, war dies dann die finale Diagnose.

Studien zufolge tritt die Inkontinenz bei rund 55% der inkontinenten Hündinnen innerhalb des ersten Jahres auf. Bei weiteren 25% innerhalb der ersten drei Jahre nach der Operation [4-6].

Im ersten Moment hat uns diese Diagnose bei einem so jungen Hund tatsächlich etwas aus der Bahn geworfen, da diese Art der Inkontinenz nicht wirklich heilbar ist. Wir haben uns viel eingelesen und auch über OP-Möglichkeiten oder alternative Behandlungen informiert. Eine Operation des Blasenmuskels ist tatsächlich nicht einfach und wird nur von sehr wenigen Tierärzten durchgeführt. Hierbei wird Collagen in den Blasenmuskel gespritzt oder ein Silikonring um die Harnröhre gelegt. Es gibt nicht viele Studien darüber wie erfolgreich die Behandlungen sind. Die existierenden Untersuchungen sprechen davon, dass unter 70% der Hunde „trocken“ sind, wobei einige nach mehreren Jahren auch wieder inkontinent wurden [7,8].  Die Risiken und sehr hohen Kosten einer solchen Operation kommen natürlich noch hinzu. Die Operation wird daher häufig erst als Alternative in Betracht gezogen, falls die verfügbaren Medikamente nicht wirken. Daher kam eine Operation für uns, in Absprache mit unseren Tierärzten, ebenfalls nicht in Frage.

Jetzt kostenloses Hundetagebuch anlegen

Du möchtest für deinen Hund ebenfalls ein Gesundheitstagebuch anlegen? Dann registriere dich jetzt kostenlos bei rosadog.

Für die kastrationsbedingte Inkontinenz wurde Rosie dann zuerst das Medikament Caniphedrin (Wirkstoff: Ephedrini hydrochloridum) verschrieben. Dieses hat auch sofort gewirkt und sie war von heute auf morgen trocken. Nebenwirkung war jedoch, dass Rosie auch von heute auf morgen Ihren Jagdtrieb entdeckt hat und auch deutlich unruhiger war. Ob dies an dem Medikament lag oder einfach nur blöder Zufall war, ist natürlich schwer zu sagen. Ein Nebeneffekt dieses Medikaments kann allerdings Unruhe sein – was bei einem ohnehin nervösen Hund natürlich nicht wirklich förderlich ist. Der Wirkstoff in Caniphedrin ist ein α-adrenerger Wirkstoff, der zu der Gruppe der Rezeptoren gehört, welche von Adrenalin aktiviert werden.

Wir waren erst einmal froh, dass wir die Inkontinenz zu 90% im Griff hatten, da man Rosie jedes Mal angemerkt hat, wie unangenehm es ihr war auszulaufen (auch wenn wir sie natürlich nie geschimpft haben). Außerdem hofften wir auch, dass wir die Tabletten nach und nach auf eine Minimaldosis reduzieren können. Dies hat einigermaßen funktioniert, aber so wirklich zufrieden waren wir langfristig nicht. Wir geben Rosie unterstützend für die Blasenfunktion Kürbiskernöl bzw. Kürbiskernextrakt in kleinen Mengen, die Verbesserung reicht allerdings nicht aus, um die regulären Medikamente wegzulassen.

Caniphedrin, Propalin, alternative Heilmittel oder doch Operation? Wichtig ist, dass ihr euch mit der Behandlung wohl fühlt und euer Hund nicht mehr inkontinent ist.

Nachdem wir uns noch eine zweite Tierarztmeinung eingeholt haben, haben wir Rosie auf den sogenannten Propalin-Sirup (Wirkstoff: Phenylpropanolaminhydrochlorid) umgestellt. Dieser war unserer Meinung nach einfacher zu dosieren, da die Caniphedrin Tabletten bei zu kleiner Teilung etwas gebröselt haben. Auch dieses Medikament kann laut Packungsbeilage gelegentlich zu Unruhe führen.

Jetzt, ein gutes Jahr später, ist sie auf einer niedrigen Dosis eingestellt, wobei sie den Sirup nach wie vor dreimal täglich braucht. Bei anderen Hunden kann man wohl nach einiger Zeit auch die Häufigkeit reduzieren, dies war bei Rosie leider nicht möglich, da sie nach gut 10 Stunden ohne Sirup wieder inkontinent ist. Wir geben Ihr zudem, in Absprache mit unserem Tierarzt CBD Öl, welches ihr helfen soll, etwas besser mir Stress umzugehen. Außerdem machen wir mit ihr viele Ruhe-Übungen und steigern uns Schritt-für-Schritt bei aufregenden Situationen.

Auf der tierarztgeführten Seite fellomed habe ich kürzlich gelesen, dass es auch die Möglichkeit gibt die kastrationsbedingte Inkontinenz bei Hündinnen mit dem Deslorelin-Hormonimplantat, (vor allem als Kastrations-Chip für Rüden bekannt) zu behandeln. Die Erfolgsquote liegt wohl bei rund 50%, wobei die Behandlung noch nicht sehr bekannt ist. Sollten wir Rosie’s Inkontinent versuchen damit damit zu behandeln (z.B. weil die aktuellen Medikamente nicht mehr wirken oder sie stressanfälliger wird), werde ich euch hier auf jeden Fall davon berichten.

Unsere Erfahrungswerte und Tipps zum Thema Inkontinenz bei Hunden zusammengefasst

  1. Vornweg, ganz so schlimm wie man am Anfang befürchtet ist es nicht. Lediglich die Einstellungsphase ist etwas stressiger, bis man die Ursache und richtige Dosierung gefunden hat.
  2. Notiert euch ganz genau, was ihr füttert, wann sie inkontinent sind und welche Medikamentendosis ihr gebt. Hierfür könnt ihr ganz einfach unser Gesundheitstagebuch nutzen.
  3. Wenn ihr das Gefühl habt, ihr seid nicht zu 100% zufrieden und wollt euch noch nach einer anderen Behandlung umsehen, dann holt euch eine zweite Tierarztmeinung ein. Nehmt alle Laborergebnisse, Medikamente und die Symptomliste aus rosadog mit, so kann euch der neue Tierarzt direkt besser helfen.
  4. Waschbaren Wickelunterlagen* waren zu Beginn für uns die größten Helfer. Die Windeln* hat Rosie zum Glück auch akzeptiert und besonders vor der Medikamenteneinstellung waren diese sehr nützlich. Wir empfehlen euch außerdem in ein waschbares Hundebett* zu investieren, dies ist auf lange Sicht einfach deutlich hygienischer.
  5. Auch wenn Rosie mit dem Sirup gut eingestellt ist, so kommt es doch hin und wieder vor, dass Sie Mal etwas ausläuft, vor allem wenn sie zuvor sehr viel getrunken hat. Wir nehmen daher zum Gassi gehen immer eine Trinkflasche* mit, da sie dann jeder Zeit kleine Mengen trinken kann und nicht auf einmal sehr viel, wenn wir nach Hause kommen.
  6. Für uns hat außerdem Nassfutter besser funktioniert als Trockenfutter, da sie von Trockenfutter immer sehr durstig geworden und auch dann wieder auslaufen ist.
  7. Wir geben Ihr den Sirup nach dem Fressen direkt ins Maul. Bei Gabe vor dem Fressen ist es Rosie häufig schlecht geworden und sie wollte nicht mehr fressen. Wenn wir sie unterwegs füttern geben wir ihr den Sirup auch Mal direkt übers Nassfutter, das funktioniert bei uns auch gut. Der Sirup scheint gar nicht so schlecht zu schmecken, Rosie freut sich immer schon wenn sie ihn sieht.
  8. Da dies Medikamente sind, welches man meist langfristig gibt, notiert euch am besten, wann ihr die Medikamente geöffnet habt in rosadog. Der Propalin Sirup beispielsweise sollte nicht länger als 3 Monate nach Öffnen verwendet werden. Aus eigener Erfahrung können wir berichten, dass schon zwei Wochen über diesem Datum bei uns die Wirksamkeit des Medikaments nachgelassen hat, als wir einmal nicht aufgepasst haben.
  9. Unterstützend für die Blasenfunktion geben wir Rosie hin und wieder kleine Mengen (1 EL/Tag bei 20kg Hund) Kürbiskernöl* ins Futter.

Ein inkontinenter Hund, egal welchen Alters kann trotzdem ein ganz normales Leben führen. Besonders die kastrationsbedingte Inkontinenz kann in den meisten Fällen mit Medikamenten gut eingestellt werden. Man lernt mit der Zeit, wann und wie häufig man vor die Tür muss und dass auch ein Tröpfchen hier und da kein Weltuntergang sind.

Ich hoffe, ich konnte einige Fragen beantworten und dass euch unser Erfahrungsbericht weiterhilft.

Jetzt kostenloses Hundetagebuch anlegen

Du möchtest für deinen Hund ebenfalls ein Gesundheitstagebuch anlegen? Dann registriere dich jetzt kostenlos bei rosadog.

Denkt dran, wir ersetzen keinen Tierarzt, wenn es eurem Vierbeiner nicht gut geht, solltet ihr daher unbedingt euren Tierarzt zu Rate ziehen!

Über die untenstehend aufgeführten Quellen, könnt ihr euch zudem über das Thema Inkontinenz bei Hunden und deren Behandlung informieren.

Quellen

[1] JANSSENS, L. A. A. & JANSSENS, G. H. R. R. (1991) Journal of Small Animal

[2] HOLT, P. E. & THRUSFIELD, M. V. (1993) Veterinary Record 133, 177, Practice 32, 249

[3] Janssens, L.A.A.; Peeters, S. (1997) Comparisons between stress incontinence in women and sphincter mechanism incompetence in the female dog, Veterinary Records 141, 620-625

[4] ARNOLD, (1991) Current Veterinary Therapy. XI Small Animal Practice. Ed J. D. Bonagura. Philadelphia, W. B. Saunders. p 875

[5] HOLT, P. E. (1985a) Research in Veterinary Science 39, 364

[6] HOLT, P. E. (1985b) Journal of Small Animal Practice 26, 181

[7] Barth A.Reichler M.Hubler M.et al. (2005) Evaluation of longterm effects of endoscopic injection of collagen into the urethral submucosa for treatment of urethral sphincter incompetence in female dogs40 cases (1993–2000). J Am Vet Med Assoc;226:7376.

[8] Currao, R., Berent, A., Weisse C., et al. (2013) Use of a Percutaneously Controlled Urethral Hydraulic Occluder for Treatment of Refractory Urinary Incontinence in 18 Female Dogs, Veterinary Surgery: 42, 4

Bei den mit einem Sternchen (*) versehenen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links – das heißt, wenn du auf der verlinkten Website etwas kaufst, erhalten wir eine Provision.

Dies hat keinerlei Einfluss darauf, über welche Produkte wir schreiben.

Für dich entstehen durch den Kauf über einen solchen Affiliate-Link keine zusätzlichen Kosten! Die Provision hilft uns jedoch bei der Verwirklichung von rosadog.

Pin It on Pinterest

Share This